Zwischen Beton, Glauben und Befreiung: „Das Kind aus dem Hochhaus“ – eine Lesung, ein Buch, das nachhallt
Manche Bücher lassen einen nicht los. Manche Lebensgeschichten begleiten einen noch lange über die letzte Seite hinaus. „Das Kind aus dem Hochhaus“ von Claudius Mach ist so ein Buch. Lesen wollte ich es unbedingt, nachdem ich den Autor im Rahmen einer sehr persönlichen Lesung mit Musik in Bönningstedt erlebt hatte – einem Abend, der berührte, nachdenklich machte und Mut schenkte.
Claudius Mach stellte dort sein autobiografisches Buch „Das Kind aus dem Hochhaus – Wie ich dem Paradies entkam und im Wahnsinn meine Freiheit fand“ vor. Unterstützt von selbstkomponierten Liedern erzählte er offen, ehrlich und mit feinem Humor aus seinem Leben. Seine gedankliche Tiefe und seine spürbare Verletzlichkeit fesselten das Publikum von der ersten Minute an.
Eine Kindheit zwischen Angst und Beton
Claudius Mach wächst als Kind der Zeugen Jehovas im Märkischen Viertel in Westberlin auf – in den 1970er- und 80er-Jahren, als die deutsche Teilung allgegenwärtig ist und „in jede Richtung der Osten lag“. Das Hochhaus, in dem er lebt, wird zum Sinnbild seiner Kindheit: Enge, Beton, fehlende Freiheit. Die strengen religiösen Regeln prägen seinen Alltag, ebenso die ständige Angst vor Strafe und vor dem Weltuntergang. Freundschaften mit Mitschülern sind nicht erlaubt, Zweifel sind gefährlich.
Der autobiografische Roman nimmt die Leserinnen und Leser mit in diese Welt aus Endzeitstimmung und religiösem Zwang – und zugleich in die ganz normale Realität eines Teenagers zwischen Schule, Musik und der Suche nach Identität. Gerade diese Gegensätzlichkeiten machen das Buch so eindringlich.
Musik als Rettungsanker
Was Claudius Mach letztlich Halt gibt, ist die Musik. Inspiriert von der Neuen Deutschen Welle greift er zur Gitarre, beginnt zu schreiben, zu komponieren – und findet darin einen ersten Zugang zu Freiheit und Selbstbestimmung. Doch der Weg hinaus ist lang und schmerzhaft: gescheiterte Ausstiegsversuche, Klinikaufenthalte, eine frühe Ehe, massive seelische Krisen und Rückschläge prägen seinen Weg.
So schwer die Geschichte ist, so leicht erzählt Claudius Mach sie. Mit Humor, Selbstironie und einer großen menschlichen Wärme gelingt es ihm, auch dunkle Kapitel lesbar und nahbar zu machen. Seine Geschichte geht ans Herz – nicht zuletzt, weil sie keine Abrechnung ist. Weder mit der Glaubensgemeinschaft noch mit seinen Eltern, denen er bis heute dankbar ist für Unterstützung, die nicht selbstverständlich war.
Ein Buch, das Mut macht
„Das Kind aus dem Hochhaus“ ist mehr als eine autobiografische Rückschau. Es ist ein Buch über das Loslassen, über innere Kämpfe und darüber, dass Veränderung möglich ist – selbst nach Jahren der Angst. Es vermittelt Zuversicht: dass es Wege aus Zwängen gibt, dass Freiheit wachsen kann, wenn Mut, Selbsterkenntnis und Hilfe von außen zusammenkommen.
Die Lesung machte spürbar, wie viel dieser Weg Claudius Mach gekostet hat – und wie sehr ihn sein Buch heute erfüllt. Man merkt ihm an, dass es ihm Frieden bringt. Und genau dieses Gefühl überträgt sich auch auf die Leserinnen und Leser.
Fazit
„Das Kind aus dem Hochhaus“ ist eine klare Leseempfehlung – als nachdenkliches Geschenk zu Weihnachten und als Begleiter für später. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, wird berührt und ermutigt. Und wer tiefer eintauchen möchte, sollte auch Claudius Machs Songs hören: In ihnen verarbeitet er seine Erlebnisse musikalisch – ehrlich, rau und ebenso bewegend wie sein Buch.
-- Tanja Königshagen --
Ein redaktioneller Artikel über die Lesung mit Musik in Bönningstedt ist erschienen im Lokalmagazin „Dorf-Geflüster“ Ausgabe Dezember 2025, Seite 13.